Der

Bittner-Bäcker aus Glatz in Schlesien

Erinnerungen an meine Kindheit

von:

Manfred Bittner

Elektromeister

Sohn des Bäckermeisters Gerhard Bittner

Enkel des Bäckermeisters Paul Bittner

Allendorf 1946 - 1950

Der Winter 1946/47

Das Foto zeigt meine Mutter, damals 31 Jahre jung, mit meinem Bruder und einen Winter mit Eis und Schnee.

Die Aufnahme ist im Winter 1946/47 gemacht, denn der Schonstein hat noch keinen drehbaren Aufsatz.

 Durch die Position des Kamins an der Nordostseite des Hauses war bei den vorherrschenden Westwinden stiess der Wind in den Schornstein und das Zimmer war voller Rauch.

Mein Vater erkannte die Ursache und organisierte einen drehbaren Schornsteinaufsatz.

Ich schreibe: “organisierte”, denn zu kaufen gab es so etwas damals nicht.

Elektrisches Licht gab es noch nicht - statt dessen Petroleumlampen.

Die Zimmerdecke bestand aus sichtbaren Balken mit aufgenagelten Fussbodenbrettern.

Durch teils fingerbreite Ritze entwich die Wärme.

Kurzerhand rührte mein Vater einen Mehlkleister an und überklebte die Decke mit alten Zeitungen welche damals eine Kostbarkeit waren.

Später kam noch eine Lage tapetenartiges Packpapier darüber.

Die Fotos auf dieser Seite machte mein Vater - schon zu Haus in Schlesien fotografierte er viel.

Aus Amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen brachte eine 6x9 Voigtländer Bessa mit.

 Ich erinnere mich: Objetiv f = 6,3  Mit dieser Kamera machte ich als Schüler meine ersten Aufnahmen.

Unsere 4 Jahre in Allendorf von März 1946 bis zum 06. März 1950

Meine Eltern befanden sich hier in einer aussichtslosen Lage ohne Aussicht auf Besserung, ohne Radio - von der Aussenwelt abgeschnitten, in ständiger Sorge um den Lebensunterhalt.

Wir schliefen mit 4 Personen in einem Eineinhabschläferbett welches um ein auf zwei Stühlen liegendes Bügelbrett verbreitert war.

Und immer weilten die Gedanken zu Hause in Schlesien, wo wir reichlich hatten und alles zurück lassen mussten, in dem Glauben, dass es bald wieder zurück geht.

Noch Jahre später, wir hatten längst wieder ein eigenes Grundstück, Haus und Auto wollten meine Eltern nicht mehr an die Allendorfer Zeit erinnert werden - es war für sie die schwerste zeit ihres Lebens.

Von all diesen Sorgen habe, oder wollte ich als Kind nichts mitbekommen.

Für mich war die Welt in Ordnung - ich hatte Spielgefährten und im angrenzenden Busch eine Freiheit, von der andere nur träumen konnten.

Es herrschte allenthalben Hunger, aber irgendwie haben unsere Eltern uns immer satt bekommen.

 Grossvater bekam vom Bauer Marquart ein Stück Acker und baute gleich eigenes Gemüse und Kartoffeln an - sammelte Pilze und Beeren.

Grossmutter kochte aus Beeren Marmelade und aus Zuckerrüben Sirup, trocknete Holunder, Kamille, Pfefferminze usw. für den Tee im Winter, auch Gewürze aller Art.

Äpfel wurden in Scheiben geschnitten und zum trocknen auf einen Zwirnsfaden gezogen, ebenso Steinpilze und Rotkappen - Bohnen wurden getrocknet - wie wir schon in Schlesien für den Winter vorsorgen.

Champignons kamen sofort in die Bratpfanne -  Pilze blieben damals uns Vertriebenen vorbehalten.

Ich möchte die Hungerjahre nicht verherrlichen und verweise auf  Honoré de Balzac

Erinnerungen verschönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich.

So wundert es nicht, wenn man 20 Jahre nach dem Mauerfall heute in den neuen Bundesländern allenthalben Sprüche hört wie:

Eigentlich hatten wir früher alles, man musste nur wissen, wie man es bekommt.

Wir haben ruhiger gelebt - alles hatte seine Ordnung.

Und wie immer und überall das obligatorische: “ Früher war alles besser! “

Für den mündigen Bürger heisst es also:

Mit Honoré de Balzac zu leben und sich gleichzeitig eine gehörige Portion realen Denkens zu bewahren.